#berlin – my street photography project

Eine Woche Berlin, nur zum Fotografieren. Eine Woche, um die einzige wirkliche Metropole Deutschlands auf mich wirken zu lassen. Eine Woche Selbstexperiment, Spontanität, Zufälle zulassen, Stimmungen aushalten und auskosten. Eine Woche U-Bahn und Straßenbahn, wohin es mich treibt oder auch nicht. Jeden Tag viele Kilometer laufen, mit einer Kamera, einem Objektiv und einer Flasche Wasser. Jeden Tag etwas anderes an einem anderen Ort essen, meine Umgebung beobachten und mich auf die Geschwindigkeit der Stadt einlassen.

Doch ging es mir nicht darum, die Stadt zu portraitieren, ein bestimmtes Thema zu illustrieren. Mir ging es darum, Motive zu finden, die mich persönlich faszinieren. Ob auch andere sie mögen, spielte hier im Gegensatz zu meinen sonstigen Auftragsarbeiten, etwa im Business und Portraitbereich, keine Rolle. Und gerade das empfand ich hier als sehr befreiend. Ich suchte nach Motiven, die künstlerisch abstrakt aber auch dokumentarisch aus dem Leben gegriffen sein können. Es treibt mich der Reiz, einen Ausschnitt aus Raum und Zeit zu finden, der erst durch das Bild seine Wirkung entfaltet. Meinen Blick zu schärfen für die Dinge, die dem flüchtigen Betrachter verborgen bleiben. Eine Woche lang versuchte ich meine Umgebung ausschließlich durch die Kamera zu sehen. Licht, Schatten, Bewegung, Kontraste und Farben. Vorauszusehen trifft es vielleicht noch besser, denn die anspruchsvolle Kunst der Straßenfotografie scheint mir, gut vorbereitet zu sein, um den nächsten Moment zu erfassen. Natürlich ist nicht alles ständig in Bewegung und bei manchen der folgenden Bilder steht das Arrangement der Formen und Farben im Vordergrund, für welches ich mir auch viel Zeit lassen konnte. Immer aber, wenn Menschen als wichtige Bestandteile einer Bildkomposition vorkommen, ist auf der Straße Geschwindigkeit gefragt und es gelang mir beileibe nicht immer, vorbereitet zu sein.

Nun aber zu einigen, von mir ausgewählten Motiven, zu denjenigen Bildern, die mich am meisten faszinieren und an die ich nun das ein oder andere Wort verschwenden möchte.

Regierungsviertel #1

Das Berliner Regierungsviertel mit seiner monumentalen Architektur ist fotografisch faszinierend. Bei aller Belebtheit durch Touristen sind es aber die Menschen, die dort jeden Tag arbeiten, die mich am meisten interessierten. Ob der Herr in obigem Bild ein kleines oder größeres Rad in der Maschinerie der Macht ist, vermag ich nicht zu sagen. Im Verhältnis zur machtvollen, dominanten Architektur, mit ihrer Größe, ihren überwiegend klaren Kanten und Ecken und eher kühlen Tonalität erscheint er jedenfalls spielzeughaft klein. Die Verhältnismäßigkeit von Umgebung und Mensch wird sich noch an anderer Stelle finden und ich gebe gerne zu, dass mich der Kontrast fasziniert. Es ist bedrückend, wie klein der Mensch im Verhältnis zu dem ist, was er erschafft und gleichzeitig ist es fantastisch, dass er in der Lage ist etwas zu schaffen, das so viel größer ist als er selbst.

Regierungsviertel #2

Die Tonalität des zweiten Bildes ist der des ersten nicht unähnlich. Auch hier gibt es einen Herrn mit Business-Outfit, der angesichts der Architektur, die ihn umgibt, winzig wirkt. Doch springt hier die Haltung, der geradezu übertrieben aufrechte und forsche Gang mit erhobenem Kinn dem Betrachter ins Auge. Hier ist jemand Herr der Lage, die Kulisse ist seine Spielwiese. Sie ist da aber sie schüchtert ihn nicht ein. Im Gegensatz zu Bild 1 befinden wir uns nicht erhöht sondern auf Augenhöhe. Perspektive schafft hier Stärke und rückt die Person in den Mittelpunkt. Die Tatsache, dass er nicht die Treppe hinaufgeht, sondern unten am Ufer entlang wirkt für mich wie eine kleine Rebellion. Oben würde er vor dem Gebäude nahezu verschwinden aber unten hebt er sich vor der hellen Mauer ab und setzt sich selbst perfekt in Szene.

Olympiastadion #1

Das Olympiastadion ist zweifellos beeindruckend und Bilder aus dieser Perspektive gibt es zuhauf. Erst aber durch den Platzwart, der den Rasen kontrolliert, wird das Ausmaß der Architektur deutlich. Geradezu bedrohlich ragen die Stadionseiten über ihm auf. Der Schatten der linken Dachhälfte greift nach ihm. Natürlich ist der Platz an sich nicht orange, sondern grün. Diesem gestalterischen Mittel bediene ich mich hier aus zwei Gründen. Einerseits, um das Farbverhältnis zur der blauen Laufbahn und dem blauen Himmel auszugleichen und die Person vom Hintergrund abzuheben und andererseits, um dem geneigten Fußballfan ein großes Fragezeichen ins Gesicht zu zaubern. Hat’s geklappt?

Olympiastadion #2

Nun etwas ganz Anderes und für mich eins meiner Favoriten, wenn nicht der Favorit aus der Berlinserie. Warum das denn?? – mag sich einer nun fragen. Ist doch nur ein Sprungbrett vor Wasser. Ja, stimmt aber.. Hier geht es mir um mehr als um die Objekte, die man sieht. Es geht um Anordnung, um Symmetrien, um Schatten und Farbe. Mir gefällt die Balance aller Linien in diesem Bild. Das Brett und die Dynamik, die es durch seine Richtung in das Bild bringt. Es bricht das Blau des Wassers auf und verleiht dem Bild Spannung. Die unterschiedlichen Färbungen im Wasser, der Schatten des Bretts als kleines Highlight. Und es gefällt mir sehr, dass ich diesen puristischen Ausschnitt inmitten einer chaotischen Baustelle gesehen und fotografiert habe. Hier herrscht Ruhe, Sinn, Konsistenz, Klarheit, während rundherum genau das Gegenteil passierte. Für einen Sportler, der dort seine Wettkampfleistung erbringen müsste, ist dieser Ausschnitt des Beckens der Inbegriff von Spannung und Nervenkitzel, der Ort, wo sich alles entscheiden kann. Bronze, Silber, Gold oder Nichts. Eine kleine Geschichte wie diese… ein Kontext.. reicht und plötzlich ist da viel mehr als nur ein Brett und ein Becken.

Olympiastadion #3

Orte zu fotografieren, an denen sich häufig Menschen zu Hunderten drängen wenn diese verlassen sind, finde ich sehr spannend. Mann malt sich aus, wie es ist, wenn Menschenmassen sich hier zäh durch die Türen quetschen. Irgendwie hat diese Einsamkeit auch etwas Trauriges. Durch die starke Unschärfe im Vordergrund wirkt das Gebäude fast wie Spielzeug, wie ein Modell aus einer Eisenbahnlandschaft. Auch hier faszinierten mich die Linien und klaren Formen. Die Pflasterung, die auf die Türen hinzeigt, die scharfkantigen roten Türen selbst, die symmetrisch offen stehen und harte Schatten der Mittagssonne werfen. Die überdimensionale Schrift und die kleine Uhr mit ihren blauen Rahmen. Alles wirkt stimmig, ein kleiner Ausschnitt mit einem perfekten Arrangement aus Formen und Farben.

Flugfeld Tempelhof

Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist ein besonderer Ort in Berlin und das gilt vor allem für Tage mit schönem Wetter. Ein Flugplatz mit einer bewegten Geschichte und großer Bedeutung für die Menschen in Berlin während des zweiten Weltkriegs. Die brutale Naziarchitektur des Flughafengebäudes existiert noch immer aber heute schaut sie über ein Flugfeld, auf dem sich an schönen Tagen lachende Kinder, Sonnengenießer, Freizeitsportler oder auch Leute zum Grillen und Feiern begegnen. Wie die Menschen sich einen solch unwirklichen und von verdrehter Propaganda geschaffenen Ort aneignen und ihn zu etwas Positiven gewandelt haben, ist fantastisch anzusehen und mitzuerleben. Auch hier spielt die Größe der Fläche des Flugfeldes im Verhältnis zur Einzelperson eine besondere Rolle für die Bildwirkung. Doch hier steht der Mensch mit seiner Aktivität als Gestalter im Vordergrund. Er macht sich den Ort zu Eigen, selbstbewusst und entspannt zugleich.

Berlin war ein toller Trip und ein spannendes Projekt. Es war anstrengend und nicht immer hatte ich Lust rauszugehen und zu fotografieren. Sich aber gerade dann zu überwinden und es zu tun brachte nicht selten die interessantesten Erlebnisse und Bilder hervor. Manchmal muss man sich auf Dinge einfach einlassen und sehen, was sie mit einem machen. Nicht alles planen, sondern geschehen lassen und den unerwarteten Moment genießen.

Und jetzt… geh raus und mach Fotos 🙂

Andy

2 thoughts on “#berlin – my street photography project

  1. Wer sagt denn, dass Straßenfotografie immer schwarz-weiß sein muss?
    Und wer sagt, dass immer Menschen zu sehen sein müssen?
    Und wer hat gesagt, dass man ganz ganz ganz dicht ran muss?

    Tolle Fotos. Spontan, echt, authentisch.

    Das gefällt mir – sich treiben lassen und sich zu Hause am Rechner freuen wie Bolle, wenn etwas ganz Unerwartetes entstanden ist: Stadtfotografie.

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