City Light Photography Challenge

New York, Tokio, Shanghai, Städte mit riesigen beleuchteten Gebäuden. Tausende von Lichtern von Reklamen, Läden, Autos, Straßenbahnen und am liebsten das Ganze noch nach einem kurzen Regen, sodass sich all die Farben und Formen in Pfützen und dem nassen Asphalt spiegeln.

So hätte ich mir meinen idealen Background für ein City Lights Shooting vorgestellt. Als städtische Kulisse zu Verfügung stand mir allerdings an diesem Tag Bremen. “Nur” könnte mancher nun ergänzen aber das wäre etwas kurz gegriffen. Tatsächlich sind es gerade die vergleichsweise wenigen Lichter Bremens, die für mich eine fotografische Herausforderung darstellen, der ich mich stellen wollte. Mein Ziel war es, ein Set an Portraits zu fotografieren, die urbanes, nächtliches Flair transportieren. Neonlicht, Reklamen, Ampeln, Schaufenster, Laternen… die Stadt alleine als mein Studio nutzen, ohne Blitz oder eigenes Licht mitzubringen. Warum das, mag sich einer fragen? Ein Anfall von Reduktionismus vielleicht… wenig schleppen, flexibel und beweglich sein, das wäre ein Grund. Aber eigentlich geht es mir um etwas anderes. Ich möchte mich darin üben, Licht noch besser zu verstehen, ich möchte es lesen wie ein Buch, möchte überall in der Lage sein ein möglichst optimales Bild schießen zu können. Es geht mir um die Fähigkeit, eine Lichtsituation bei Tag und Nacht in Bruchteilen von Sekunden erfassen und für mein fotografisches Ziel nutzen zu können. Das finde ich spannend und zugegeben auch enorm herausfordend. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein totaler Fan von Blitzen und Dauerlicht und es wäre natürlich möglich gewesen, hier zumindest einen Aufsteckblitz und einen Reflektor mitzunehmen aber… Reduktionismus und raus aus der Komfortzone.

Where the magic happens

Shoot to edit

Ich versuche stets so zu fotografieren, dass ich eine optimale Basis für anschließende Bildbearbeitung habe, sozusagen “shoot to edit”. Daher fotografiere ausschließlich im RAW-Format, um das dynamische Spektrum meiner Kamera ausschöpfen zu können. Diskussionen, die das label “out of cam” tragen und hiermit eine besondere Qualität des Fotografen meinen, der ohne eine Bearbeitung nötig zu haben, bereits alles vor Ort bzw. in der Kamera perfekt hinbekommt, halte ich für verkürzten Purismus und völlig unsinnig. Es geht mir nicht darum, in der Postproduktion Fehler zu beheben, die man hätte fotografisch vermeiden können, sondern ein Bild kreativ zu gestalten und zu “entwickeln”. Daneben geht es aber auch um Effizienz im Workflow. Machen kann und soll das natürlich jeder wie er/sie möchte. Für diese Bilder war klar, dass ich das urbane Flair, die Farbkombination der Lichter in der Postproduktion massiv beeinflussen wollte, um den gewünschten Bildlook zu erhalten. Ich wollte starke Farben und Farbkontraste, Reflektionen und Unschärfe.

“Still cold” ISO 200 / 85mm / 1.4 /1/50 Sek.

Bei diesem Shooting lag mein Augenmerk darauf, die Belichtung so zu wählen, dass genügend dynamischer Spielraum im Bild für die Bearbeitung zur Verfügung steht. Außerdem sollten die Bilder von geringer Tiefenschärfe und einem schönen, weichen Bokeh geprägt sein. Für meine Kameraeinstellungen heisst das: möglichst offener Blende nutzen, die viel Licht auf den Sensor lässt und mir die Möglichkeit gibt, meine ISO gering zu halten. Außerdem erreiche ich durch die Offenblende eine schöne Unschärfe des Hintergrunds. Da ich aus der Hand ein Model fotografiere darf ich meine Belichtungszeit aber nicht so lang wählen, das ich verwackele. So war ich also die meiste Zeit mit einer Blende von 1.4 bei 85mm und einer Belichtungszeit von 1/50 – 1/125 Sekunde unterwegs und habe beinahe nur die ISO zwischen 100 und ca. 1000 variiert.

Shoot with a model – worauf achten?

Das Thema kann man jetzt beliebig komplex machen, müsste ich es auf 5 Punkte herunter brechen würde ich sagen:

  1. Sucht Euch eine möglichst große Lichtquelle und bringt Euer Modell nahe an diese heran (Schaufenster, Bildschirme, beleuchtete Reklametafeln etc.)
  2. Catchlight: achtet immer darauf, dass sich Lichter von irgendwo in den Augen Eures Models spiegeln. Keine Reflektionen in den Augen lassen Euer Model leblos erscheinen.
  3. Sorgt für Haarlicht / Streiflicht, das Euer Model von hinten oder der Seite anleuchtet
  4. Seit Euch des Bildhintergrunds bewusst. Wir wollen Lichter der Stadt, keine dunklen Ecken.
  5. Versucht eine glaubhafte Story zu erzählen, eine authentische Bewegung oder Handlung mit Eurem Model auszuarbeite, gebt Ihren oder seinen Händen etwas zu tun.
“Diamonds are a girl’s best friend”…. ISO 1000 // 85mm / 1.4 / 1/125

Es hat wirklich Spass gemacht mit Laura durch die nächtlichen Straßen Bremens zu laufen und nach geeigneten Fotospots zu suchen. Den frostigen Temperaturen haben wir so gut es geht versucht, mit einer gelegentlichen Aufwärmpause bei Kaffee und Snacks zu begegnen. Niemand friert gerne und wenn sich Euer Model unwohl fühlt oder müde ist, werdet Ihr das auf den Bildern sehen. Ach und wenn Ihr selbst ein Loch habt… auch das sieht man später. 🙂

Nah und Fern, horizontal und vertikal, von oben und unten

Tatsächlich hätte ich mir gewünscht mein 35mm Objektiv zusätzlich mitgenommen zu haben, um hier und da ein wenig mehr Umgebung mit ins Bild zu bekommen. Bei 85mm ist mann dann schnell ziemlich weit entfernt, möchte man noch etwas Raum mit aufs Bild bekommen. Oder man steht einmal an einer Wand und kommt einfach nicht weiter weg. Aber dafür sind 85mm auch einfach spitzenmässig, wenn es um Portraitshots geht, gerade bei Offenblende von 1.8 oder mehr macht das richtig Spass.

ISO 1000 // 85mm / 1.4 / 1/125

Get creativ

Neben den sicheren Standard-Shots macht es auch immer Spass mit Reflektionen zu spielen, durch Scheiben oder Vitrinen zu fotografieren oder mit Spiegelbildern zu arbeiten. Lasst Eurer Kreativität freien Lauf. Wenn Ihr Glück habt, hat es vorher geregnet und überall finden sich Spiegelungen und Reflektionen. Als wir unterwegs waren, war es allerdings bremenuntypisch… trocken! 😉

“minor reflections” ISO 160 / 85mm / 1.4 // 1/160

No risk no fail but also no fun

Für mich war diese fast 4-stündige Reise durch Bremen mit Laura ein tolles Erlebnis. Würde man sich die Stellen, an denen wir die Bilder geschossen haben bei Tage ansehen, käme man wohl nur in den seltesten Fällen darauf, dass man hier abends tolle Bilder machen kann. Aber so kann nachts eine beleuchtetes Fenster eines Schlüsseldienstes oder ein übergroßer LED-Screen eines O2-Shops zur idealen Location werden. Abschließend sei gesagt, dass es sich immer lohnt, neue Dinge auszuprobieren. Wie immer im Leben finden die coolen Sachen meistens außerhalb der eigenen Komfortzone statt. Das gilt auch fürs Fotografieren. Natürlich kann man auch scheitern, das Risiko besteht aber dann scheitert man sich halt nach und nach… nach oben. In diesem Sinne, geht raus und macht Fotos.

Model: Laura / Facebook / Instagram

“Rockin’ the Shopping-Mall” – ISO 500 // 85mm / 1.4 / 1/160

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